Große Liebe Widerwillen

 

©Silke Herbst 20.03.2020

 

Ein Lächeln huschte über Elenas Gesicht und ihre Augen strahlten. Oft hatte sie in letzter Zeit nach ihm im Internet gesucht, aber ohne Erfolg. Nun wurde er ihr als Freund vorgeschlagen. Sie konnte es selber kaum glauben. Aber der Zufall spielte ihm und ihr schon oft einen Streich. Neugierig und mit zittrigen Händen klickte sie auf seine Seite. Es war wohl 30 Jahre her als sie ihn zum letzten Mal gesehen und gesprochen hatte und nun pochte ihr Herz aufgeregt, fast wie damals. Es war ihr eigentlich schon unheimlich, dass nach dieser langen Zeit noch immer diese Magie bestand. Die Seite öffnete sich. Da war er also, nein erkannt hätte sie ihn nicht. Selbst wenn er neben ihr gestanden hätte oder vielleicht doch, die Augen, das Muttermal auf der Wange oder die kleine Zahnlücke?

Aber da war auch seine Frau, eine Entscheidung die Elena nie verstanden hat. Ihr fehlte einfach die Erklärung für alles was  geschehen war. Seit fast 30 Jahren wartete sie auf ein Wort von ihm, etwas was alles erklärte und ihr Herz wieder frei sein ließ. Elena dachte damals sie hätten ein Band, das jahrelang hielt. Eine Verbindung, die niemand hätte trennen können. Und dann nicht mal ein Wort. Oder doch? Er hatte es vielleicht versucht und sie wollte es nicht verstehen. Lange Zeit hatte sie angenommen sie könnte ihn einfach vergessen, aber alle ihre Beziehungen waren gescheitert. Sie hat sogar versucht ihn zu hassen, aber ihr Herz liebte ihn zu sehr, als dass sie ihm auch nur einen bösen Gedanken hätte entgegen bringen können. Jedes Mal fragte sie sich was in ihren anderen Beziehungen schief gelaufen war. Nun wusste sie es. Der Platz neben ihr war nie frei. Kein anderer konnte jeweils dem Vergleich standhalten. Eigentlich hatte sie damals einen Strich gezogen, dachte sie zumindest. Sie hatte nun das Gefühl sie bräuchte eine Klärung, ein offenes Gespräch. Aber ihr war auch klar, sie würde es nie bekommen. Sein Account schien schon länger inaktiv. Sie schaute sich die Bilder auf seiner Seite an. Er sah glücklich aus, das beruhigte sie. Sie überlegte, ob sie ihn anschreibt, einfach nur „Hallo“ sagte. Doch sie hatte zu viel Respekt vor seinem Schweigen. Er schien glücklich zu sein und es stand ihr nicht zu schlimmstenfalls Unruhe zu verbreiten. Sie kämpfte mit sich.

Sie griff in die Schublade ihres Schreibtisches und holte die alten Briefe von ihm hervor. Sie hatte sie all die Jahre wie einen Schatz gehütet. Sie lehnte sich zurück und las sie noch einmal und ließ sich von ihren Gedanken zurück in die Vergangenheit tragen.

Die Erinnerung ließ sie alle Gefühle von damals noch einmal erleben:

 

Es war 1983. Sie war 14 Jahre alt und hatte mit Jungs noch nicht ganz so viel am Hut. Aber dann geriet der Name Sven immer wieder in ihre Welt. Von der einen Seite durch ihre Freundin Maja, die mit ihm auf die selbe Schule ging, er war eine Klasse höher als sie, auf der anderen Seite von ihrer besten Freundin Antje, weil er von einer Freundin von Antje, Tina, der Cousin war. Tina stand auf ihren Cousin und schwärmte ständig von ihm. Von Maja hörte Elena allerdings andere Geschichten. Die Mädchen sind ihm wohl in Scharen hinterhergelaufen. Also nichts für Elena. Aber irgendwie erweckten die Erzählungen eine große Neugier in ihr. Elena war nicht besonders groß und zierlich mit strahlenden grauen Augen und dunklem Haar. Eigentlich hätte sie mit sich zufrieden sein können, aber ihre Tante, bei der sie lebte, redete ihr ständig ein, dass sie ein Nichts war. Obwohl Elena hatte Pläne. Sie ging aufs Gymnasium und wollte später studieren. Und ein Sven mit 10 Mädchen an jedem Finger interessierte sie eigentlich so gar nicht. Außerdem sagte ihre Tante ihr immer wieder aus ihr müsste erst etwas Gescheites werden, bevor sie überhaupt einen Gedanken an Jungs verschwenden könnte. Okay Elena schwärmte für einen Jungen aus der Nachbarschaft, aber ihn anzusprechen hätte sie sich eh nie getraut. Dafür liebte sie es mit ihren Freundinnen in gemütlicher Runde Tee zu trinken. Und während alle ihre Freundinnen NDW hörten, stand Elena komplett auf Italien Disco. Das war halt Elena, alle bogen rechts ab, nur sie ging nach links.

 

Elena hatte ihre Konfirmation gerade hinter sich gebracht. An diesem Sonntag war sie auf die Konfirmation von ihrer Freundin Antje eingeladen. Am Samstag kam Maja zu ihr. Maja war auch 14 und wohnte in der Nachbarschaft. Die beiden kannten sich schon seit sie 4 Jahre alt waren. Sie kochten sich einen Kirschtee und machten es sich gemütlich. Maja grinste schon ständig und drehte nervös die Tasse in der Hand.

Dann schließlich platzte es aus ihr heraus: „Und für dich gibt es Morgen eine Überraschung!“

„Ja, Antje sagte etwas davon“, antwortete Elena gelassen, „ich bin schon total neugierig.“

Maja riss die Augen auf: „Du weißt nicht was die Überraschung ist?“

Elena sah erstaunt auf: „Nein! Du etwa?“

„Du sollst morgen Sven kennenlernen.“

Maja sah sie triumphierend an.

„Wie Sven?“, Elena schaute ungläubig und schüttelte mit dem Kopf.

Maja lachte: „Na morgen auf der Konfirmation. Antje und Tina haben sich nachmittags verabredet. Und Tina will unbedingt vor dir mit Sven angeben.“

„Woher weißt du das?“

„Na, Sven hat es mir gestern in der Schule erzählt. Er steht ja auf Silvia, eine Schulfreundin von mir. Die kommen bestimmt bald zusammen, so wie ich das sehe. Ich schätze mal spätestens nächste Woche. Grüß ihn mal schön von mir. Aber sag ihm Grüße von Mimi, das ist mein Spitzname an der Schule.“

Elena lachte: „Okay das mach ich. Nun bin ich doch ein wenig gespannt auf ihn.“

Das war wohl maßlos untertrieben. Elena platzte fast vor Neugier. Irgendetwas musste ja mit diesem Sven sein. Es verging ja fast kein Tag wo sie nichts von ihm erzählt bekam. Genau genommen nahm er in ihrem Leben gerade viel Raum ein und sie hatte keine Vorstellung wer er war und wie er aussah. Aber das sollte sich ja nun morgen ändern. Dann hatte sie endlich ein Bild zu dem Jungen über den sie schon so viel zwangsweise wusste.

Elena schenkte Tee nach und fröhlich tratschten die beiden Mädchen weiter.

 

In der Nacht konnte Elena kaum schlafen, sie war aufgeregt, so als ob sich eine Vorahnung in ihr breit machte. Und genau genommen sollte ihr Gefühl Recht behalten. Hätte sie es gewusst, was sich in ihrem Leben durch die nächsten Jahre ziehen sollte, wäre sie wohl besser nicht mit zu diesem Treffen gegangen. Aber die Neugier hatte gesiegt.

 

Die Aufregung sollte am Sonntag noch steigen. Elena rutsche auf der Kirchenbank hin und her und sehnte den Nachmittag herbei. Schon jetzt kreisten ihre Gedanken immer wieder um diesen Sven. Aber bis 15 Uhr musste sie noch ausharren. Bis dahin waren aber noch ein Gottesdienst und das Mittagessen zu überstehen.

Aber auch diese Zeit konnte sie gut überstehen.

Nach dem Essen setzte sie sich mit Antje zusammen. Auch Antje war 14 Jahre und sie waren seit der ersten Klasse beste Freundinnen. Nachdem Antje mit ihren Eltern etwas außerhalb der Stadt gezogen war, sahen sie sich leider etwas weniger, aber die Freundschaft sollte die nächsten Jahrzehnte überdauern.

„Wir treffen uns nachher noch mit Tina. Sie sagte, sie hätte eine Überraschung“, erwähnte Antje so nebenbei.

Elena grinste: „Ja ich weiß, sie bringt Sven mit.“
Antje schaute sie fragend an.

Elena musste lachen: „Ich weiß es von Maja, die geht mit dem Sven auf eine Schule und er hat es ihr in der Pause erzählte.“

„Ach so“, Antje nickte und lachte.

Um kurz vor 15 Uhr machten sich die beiden Mädchen auf den Weg zur Sparkasse in dem kleinen Dorf, in den Tina und Antje lebten. Dort war Antje mit Tina verabredet.  Die Spannung in Elena wuchs nun fast ins Unerträgliche. Gleich würde sich das Geheimnis um diesen Sven lüften. Sie war sehr gespannt, ob er den vorangegangenen Erzählungen entsprach oder eher nicht.

Als sie ankamen waren Tina und Sven bereits da. Antje und Tina gingen sofort aufeinander zu und fingen an zu erzählen, was sie bisher auf ihrer Konfirmation erlebt hatten.

Die Bank hatte eine kleine Überdachung mit Pfeilern.

Elena blieb an einem Pfeiler stehen und sah auf. Und da stand er nun und lehnte an dem Pfeiler ihr gegenüber. Elena musterte ihn kurz. Er war um einiges größer als sie, dunkle Haare, braune Augen und dieses Muttermal auf der Wange.

Elena lächelte in sich hinein, so sah also der Schulschwarm aus, na gut.

Sie stellte sich etwas abseits hinter ihren Pfeiler und gab sich Mühe gelangweilt zu wirken.

Während Antje und Tina weiter tratschten, kam Sven lässig zu ihr rüber und stellte sich zu ihr.

„Hallo“, sagte er und lächelte warm, „ich bin Sven.“

„Ja, ich weiß“, sagte Elena ruhig und sah zu ihm auf, „ich soll dich von Mimi grüßen.“

Er schaute sie erstaunt an: „Mimi? Kenne ich nicht.“

„Na, Maja“, legte Elena nach.

Er dachte nach: „Nein, sagt mir auch nichts.“

Er nannte Elena nun viele Namen und fragte immer wieder, ob sie jemanden davon kennen würde, aber sie musste verneinen. Aber er gab nicht auf und nannte immer mehr und mehr Namen.

„Tut mir leid“, sagte Elena schließlich, „ich kenne nur Mimi.“

Elenas Herz schlug mittlerweile bis zum Hals, aber sie versuchte immer noch gelangweilt zur reagieren.

Er grübelte laut: „Mensch wer zum Kuckuck ist diese Mimi?“

„Auf welche Schule gehst denn du?“, fragte er.

„Auf das Hummel Gymnasium.“

Er runzelte die Stirn. „Ich bin auf der Rodensieler Hauptschule.“

„Ja ich weiß, du gehst ja mit Mimi auf eine Schule.“

Elena grinste.

Die Zeit verging wie im Flug und sie merkte, dass sie sich eigentlich mit diesem Sven super verstand. Genau genommen mehr als es ihr lieb war. Sie redeten noch über alles Mögliche bis Antje das Gespräch mit Tina beendete. Sie mussten leider zurück nach Hause.

In der Nacht schlief Elena schlecht. Sie war aufgeregt und dachte immer wieder an die tolle Unterhaltung mit Sven. Irgendwie machte sie das glücklich und dann war es ihr wieder unheimlich. Sie verstand sich auf Anhieb zu gut mit ihm, so als ob sie ihn schon Jahre kannte.

 

Zwei Tage später traf Elena sich wieder mit Maja zum Tee. 1983 war so die Zeit wo man dieses japanische Teeservice aus Steingut hatte und verschiedene Früchtetees trank. Und die Tassen durften auf gar keinen Fall einen Henkel haben.

Maja konnte sich schon vor Lachen kaum halten, als sie herein kam.

„Was ist denn mit dir los?“, fragte Elena und musterte ihre Freundin neugierig.

Maja schüttelte sich, sie konnte nicht mehr. Sie schnappte nach Luft und brauchte eine Weile, bis sie reden konnte.

„Du, du, du glaubst es nicht“, rief sie, „ehrlich nicht.“

Elena lachte: „Na was denn? Mach es doch nicht so spannend.“

„Du, der Sven sucht seit Montag die ganze Schule nach einer Mimi ab.“

Maja musste wieder Lachen, die Tränen liefen ihr über das Gesicht.

„Wie die ganze Schule?“, Elena musste nun mitlachen, „Wirklich?“

„Ja, er ist Montag gleich angefangen. Er hat wirklich jeden gefragt. Und heute stand er dann auch vor mir und fragt mich tatsächlich, ob ich eine Mimi kenne.“

Beide Mädchen schüttelten sich vor Lachen. Nun rannten auch Elena die Tränen über die Wangen.

„Und, was hast du ihm geantwortet?“

„Klar hab ich gesagt.“

Elena lachte: “Und dann?“

„Total aufgeregt hat er mich gefragt wer das ist. Ich habe natürlich erst einmal so getan als ob ich überlege und in sein gespanntes Gesicht gesehen. Ja und wer ist das nun, fragte er dann ungeduldig. Ich habe dann freundlich gelächelt und habe ihm gesagt: Ich.“

Beide Mädchen mussten wieder lachen.

„Und?“, fragte Elena neugierig und schnappte nach Luft.

„Nun lässt er mir keine Ruhe, ich soll ein Treffen mit dir ausmachen.“

Elena überlegte kurz: „Nee, lass mal lieber. Ich habe da nicht wirklich ein gutes Gefühl.“

In ihrem Bauch machte sich tatsächlich ein merkwürdiges aber irgendwie auch angenehmes Gefühl breit, wenn sie an Sven dachte. Schnell verdrängte sie das Gefühl und schimpfte mit sich selber.

Die nächsten Wochen brachte Maja immer wieder das Anliegen von Sven vor. Er ließ bei ihr einfach nicht locker und nervte jede Pause. Aber Elena wollte nicht. Warum sollte sie sich mit jemanden treffen, wo schon so viele Mädchen dran waren, wie Tina und Silvia und wer weiß schon wer noch.

„Bitte verabrede dich doch endlich mit ihm“,  bettelte Maja, „er lässt mich sonst nie in Ruhe.“

Es half Maja nichts, Elena blieb hart.

 

Die Wochen vergingen und Elena hatte das Thema Sven irgendwie immer wieder erfolgreich verdrängt.

An ihrer Schule waren Abituren und die Unterstufe hatte dann schulfrei. Sie hatte mit Maja verabredet sie von der Schule abzuholen.

Es war ein schöner sonniger Tag, als Elena zur Rodensieler Schule radelte. Am Tor stieg sie ab, um dort auf Maja zu warten. Sie stellte ihr Rennrad ab und lehnte sich lässig an die Mauer des Fahrradstandes. Plötzlich kam ein Junge auf seinem Fahrrad an ihr vorbei geschossen.

Er dreht sich während der Fahrt nach ihr um, schaute wieder nach vorne, radelte weiter drehte sich wieder um und fuhr gegen eine Laterne. Fing sein Rad  auf drehte um und radelte mit Tempo zu ihr zurück. Mit einer Vollbremsung blieb er vor ihr stehen: „Sag mal, kennen wir uns nicht irgendwo her?“

„Klar“, antwortete Elena schmunzelnd, „von Tinas Konfirmation.“

Er strahlte sie an: „Ja genau, du bist Elena und schuldest mir noch ein Treffen.“

Inzwischen kam auch Maja mit rollenden Augen dazu und schaute Elena flehend an.

Nachdem auch Sven ein herzzerreißendes Gesicht machte gab Elena nun doch nach: „Okay, ich denke darüber nach.“

Sven sah sie eindringlich bittend mit seinen braunen Augen an und schenkte ihr ein unwiderstehliches Lächeln.

Elena bekam ein leichtes Kribbeln im Bauch und wurde leicht nervös.

„Ich sage Maja Bescheid, okay?“

Schnell schnappte sie sich ihr Fahrrad, sie musste schnell weg, bevor sie wohl möglich noch rot wurde.

„Wollen wir los?“, wandte sie sich an Maja.

Sie nickte Sven zu und radelte los.

 

Ein paar Tage später...

Elena war aufgewühlt, irgendetwas in ihr mochte diesen Sven, aber ihr Verstand warnte sie. Trotz aller Zweifel verabredete sie sich mit Maja und Sven. Beide kamen nach der Schule zu ihr. Nachdem die Teerunde eröffnet war, plauderten sie drauf los. Und wieder merkte Elena wie gut sie sich tatsächlich mit Sven verstand. Elena hatte eine neue LP die sie auflegte und Sven wollte die ganze Zeit immer nur den Song „Wishing“ hören. Elena musste immer wieder zum Plattenspieler und die Nadel nach vorne legen. „Wishing“ die Zehnte.

„Was ist eigentlich mit Silvia?“ erkundigte sich Maja bei Sven wie beiläufig, „wann kommt ihr endlich zusammen?“

„Silvia?“, Sven schaute erstaunt, „gar nicht. Die nervt mich schon seit Wochen.“

Maja lachte: „Okay, das habe ich irgendwie anders gedacht.“

„Oh nein“, antwortete Sven, „jede Pause das Gebabbel. Hör' bloß auf.“

„Und was ist mit Tina?“, warf Elena ein.

Bei Sven legte sich eine Falte auf die Stirn: „Tina? Die auf einer Konfirmation ihren Cousin vorführt, weil sie ihn geil findet? “

Er lächelte Elena an: „Wie ist es mit dir? Willst du mit mir gehen?“

Elenas Herz pochte und sie bekam einen Schweißausbruch als sie sich sagen hörte: „Ach nö, lass man.“

„Spinnst du?“, schimpfte ihr Herz mit ihr, „du empfindest doch ganz anders. War das nicht genau das, was du  wolltest?“

„Nein“, schrie ihr Verstand, „die Antwort war genau richtig. Du willst nicht eine von vielen sein. Passt schon.“

Maja zog hörbar die Luft ein. Sie konnte nicht glauben, was Elena da gerade gesagt hat. Der Mädchenschwarm ihrer Schule stellte Elena diese Frage und sie lehnte ab. Maja verstand die Welt nicht mehr.

Elena sah Sven an, aber sie konnte nicht erkennen, was er tatsächlich dachte und er sagte auch nichts.
Mittlerweile war eine Freundin von Maja dazugekommen, Karla.
Sie hatte den richtigen Zeitpunkt erwischt und brachte die Gespräche wieder zum Laufen.

Sven verabredete sich für den nächsten Tag mit Karla.

Elena fühlte einen leichten Stich, aber sie hatte sich nun einmal so entschieden. Wenn ihm etwas an ihr lag, würde er nicht aufgeben.

 

Zwei Tage später stand Maja aufgeregt bei Elena im Zimmer.

„Sven ist jetzt mit Karla zusammen“, platze es aus ihr heraus, „Elena du musst was machen?“

Elena schaute sie ungläubig an: „Ich? Warum?“

Elenas Verstand triumphierte: „Siehst du Herz, wie schnell er sich getröstet hat. Ich hatte also Recht.“ „Püh“, erwiderte das Herz, „wir werden sehen.“

Maja flatterte hin und her: „Pass auf ich bestelle ihn her und dann verschwinde ich und dann musst du ihm Karla ausreden.“

„Warum?“, Elena zog verwundert eine Augenbraue hoch, sie war ein wenig verwirrt und überfordert.

„Die passen nicht zusammen, glaube mir“, setzte Maja nach „und wenn es ihm jemand ausreden kann, dann du. Ich sage ihm morgen, dass er am Nachmittag zu dir kommen soll. Und du musst ihm sagen, dass Karla nicht zu ihm passt. Hast du das verstanden?“

Maja sah Elena eindringlich an.

Elena nickte, Maja würde ihr ja sonst eh keine Ruhe lassen, aber verstanden hatte sie es nicht.

 

Auch diese Nacht war nicht Elenas, sie war verletzt wegen Karla. Das ging ja schnell bei ihm, aber ihr Herz sagte, sie soll erst einmal abwarten, während nun ihr Verstand irgendetwas von sie würde schon sehen murmelte.

 

Am nächsten Tag konnte sie sich in der Schule kaum konzentrieren. Ihre Gedanken kreisten immer wieder um den Nachmittag und um Sven.

 

Am nächsten Nachmittag waren Maja und Sven pünktlich, was für Maja eigentlich untypisch war. Eigentlich kam sie pauschal immer zu spät. Erst redeten und lachten sie zusammen und Elena ließ Sven in ihr Freundschaftsbuch eintragen. Elena war gespannt, was sie über ihn im Buch erfuhr.

Sie warf einen Blick auf seine Eintragungen.

„Aha“, dachte sie, „er ist also Stier. Skorpion und Stier wird eh nichts.“

Sie diskutierten noch ein wenig über den Musikgeschmack und Elena legte wohl die Nadel mal wieder zum x-ten Mal zurück auf „Wishing“.

Schließlich verabschiedete sich Maja mit einer Ausrede.

 

Das Wetter war schön und Elena fragte Sven, ob sie nicht zum Plaudern im Garten spazieren gehen wollten. Sven fand die Idee gut. Sie machten sich auf in den hinteren Garten des Hauses.

Elena wusste gar nicht wie sie anfangen sollte wegen Karla. So liefen sie den Garten immer wieder auf und ab, redeten, lachten und waren beide glücklich. Lächelt schaute Elena immer wieder auf seinen linken Fuß. Am Schuh hatte sich der Schnürsenkel gelöst und er stolperte immer wieder leicht, trotzdem band er ihn nicht zu. Er ignorierte es irgendwie. Elena sprach ihn schließlich drauf an, aber er meinte er trägt den Schuh immer so.

Nachdem sie nun über eine Stunde den Garten auf und ab marschiert waren fasste Elena sich ein Herz und fragte Sven: „Bist du sicher, dass du und Karla zusammen passt?“

Verwundert sah er sie an und lächelte. „Warum?.“

„Na Maja meint, dass ihr wohl nicht so gut zusammen passt und  du besser Schluss machen solltest.“

Nervös bohrte sie mit ihrer Schuhspitze ein Loch in den Rasen und sah zu ihm auf.

Er lächelte sie an: „Wenn du das meinst, dann mache ich  mit ihr Schluss.“

Elena nickte, sie hatte ihre Mission erfüllt. Ihr war irgendwie leichter ums Herz, aber sie hatte auch ein schlechtes Gewissen gegenüber Karla.

Sie gingen zurück ins Haus, mittlerweile war auch Maja wieder da. Zwischendurch warfen sich Sven und Elena immer wieder einen Blick zu. Elenas Herz hüpfte jedes Mal.

Klamm heimlich hat er sich in ihr Herz geschlichen ohne zu Fragen. Elena behielt es aber für sich und schloss es tief in ihrem Herz ein. Ihr Verstand war der Meinung es wäre besser so. Und wieder war es richtig, denn sie hörte von Sven nichts mehr, nur das Maja ihr erzählte, dass er wohl schon länger eine Freundin hatte.

 

Ein Jahr später im August. In der Stadt gab es dann immer einen großen Markt. Auch Elena und Maja fuhren jeden Nachmittag hin. Sie radelten vergnügt durch den Stadtpark zum Markt. Beide fuhren viel mit dem Fahrrad. Das Besondere daran war für sie, dass sie das gleiche Fahrrad besaßen. Allerdings hatte Elenas rote Knöpfe am Lenker und Majas hatte weiße Knöpfe. Dort angekommen trafen sie sich mit Torben und Andy am Autoscooter. Die beiden Jungs jobbten dort während der großen Ferien.

Maja war ein wenig in Torben verknallt und es schien, dass auch Torben interessiert war.

Während Maja und Torben verschwanden unterhielt sich Elena mit Andy. Bei Maja und Torben hatte es wohl gut geknallt, Elena und Andy fanden sich tatsächlich wohl einfach nur nett. Während der Unterhaltung kam ein Mädchen auf Andy zu und fragte nach Torben.

Andy zuckte mit den Schultern: „Keine Ahnung wo er steckt, er war gerade noch da.“

„Okay“, sagte das Mädchen, „dann komme ich gleich wieder.“

Elena schaute ungläubig: „Da hast du ja glatt gelogen, wir wissen doch wo er ist. Wer war denn das?“

Andy grinste breit: „Na seine Freundin Carina, die kann ich schlecht hinter das Zelt schicken.“

Elena lachte. „Okay, das verstehe ich natürlich.“

Etwas später  gesellte sich auch Maja zu den beiden mit einem dicken Knutschfleck am Hals. Im selben Moment erschien dummerweise auch Carina wieder.

Sie starrte auf Majas Hals: „Hast du den von Torben?“

Elena machte wilde Zeichen hinter Carinas Rücken, winkte und zog ihre Hand flach über den Hals, aber Maja verstand nicht.

Stattdessen sah Maja Carina belustigt an: „Ja klar, wieso?“
Elena biss die Zähne zusammen und klatschte sich gegen die Stirn, das ging nicht gut.

„Na der kann etwas erleben“, stieß Carina hervor und dampfte ab.

Nun kam auch Torben um die Ecke und entdeckte Carina. Maja und Elena hörten es knallen.

Elena drehte sich um. Torben hatte alle fünf Finger von Carina im Gesicht.

Maja sah ihr verwundert nach: „Wer war denn das?“

„Seine Freundin“, antwortete Elena trocken und schluckte.

Maja riss entsetzt die Augen auf: „Oh je, alles klar. Aber ich glaube ich habe eine Überraschung für dich. Lass uns mal zur Raupe gehen.“

„Okay“, Elena war gespannt.

Elena folgte Maja zur Raupe, die nicht weit vom Autoscooter stand. Dann schickte Maja sie vor in den hinteren Bereich. Gespannt ging Elena ein Stück und stand vor Sven. Interessiert sah er sie an, lächelte und zwinkerte ihr zu. Dann erschien Maja hinter ihr.

„Hallo Maja“, begrüßte Sven sie, dann schaute er zu Elena: „Jetzt weiß ich auch wer du bist. Wir kennen uns schon.“

Elena zog die Luft ein, erst meldete er sich nicht mehr und nun steht er da und strahlt, als ob alles toll wäre, Während ihr Verstand gerne Dampf ablassen würde, gaben ihre Knie nach und sie beschloss besser cool zu bleiben. Sie unterhielten sich eine Weile und ihr Herz fing wieder an zu pochen. Besser wäre jetzt ein Rückzug.

„Gehen wir zurück?“, fragte Maja.

Elena nickte erleichtert: „Ja sicher, Torben und Andy warten sicher schon und fragen sich wohl möglich, wo wir bleiben.“

Sie holte tief Luft, steckte die Nase etwas in die Luft und folgte Maja zum Autoscooter.

Es vergingen keine 30 Minuten und da stand auch Sven am Autoscooter.

Eigentlich war dieser Moment seltsam. Er stand dort in der Sonne betrachtete erst Andy düster und sah dann einfach lächelnd zu ihr herüber. Wie eine Statue blieb er dort stehen, beide Hände in der Jackentasche.

Elena beschloss sitzen zu bleiben, sollte er doch gefälligst zu ihr kommen. Diesmal würde er sie nicht so einfach kriegen. Sie merkte gar nicht wie sie bereits aufstand und zu ihm lief. Verdammt warum macht ihr Körper nicht einfach das, was sie ihm sagte. Und dann stand sie vor ihm. Sie stellte sich leicht auf die Zehenspitzen um nicht ganz so klein zu wirken. Ein paar Sekunden sahen sie sich in die Augen.

Sven strich ihr über das Gesicht: „Wollen wir ein wenig über den Markt schlendern Kleine?“ Elena nickte. Gemütlich liefen sie über den Markt. Vor dem Fahrgeschäft Enterprise blieben sie stehen.

Sven grinste: „Wollen wir?“

Elena schluckte: „Ich weiß nicht, das geht ja über Kopf. Ich denke, das ist nichts für mich.“

Entsetzt sah sie ihn an.

Er lächelte und versuchte sie zu beruhigen: „Glaube mir du wirst es gar nicht merken.“

Fröhlich zwinkerte er ihr zu.

Dann nahm er ihre Hand und zog sie sanft hinter sich her. Nachdem er die Fahrtkarten gekauft hatte, stiegen sie in einee Gondel. Die Plätze waren wie eine Bank hintereinander angeordnet. Sven stieg ein und setzte sich auch den hinteren Teil, Elena nahm vorne Platz.

Langsam nahm das Karussell Fahrt auf. Elena schluckte gleich würde es über Kopf gehen. Sie krallte sich an das Gitter.

Sven lachte: „Ich sagte doch, du brauchst keine Angst zu haben.“

Vorsichtig nahm er ihre Hand vom Gitter, zog sie zu sich nach hinten, legte ihr sanft die Hand ans Kinn und drehte ihren

Kopf zu sich, während er sie mit der anderen Hand festhielt. Elena fühlte sich sicher.

Ihr Herz schlug wild und ihr Magen krampfte sich leicht zusammen, sie schloss die Augen. Und noch bevor die erste Drehung über Kopf ging spürte sie seine Lippen auf ihren. Irgendwie begann die Welt zu versinken und über Kopf zu drehen. Egal! Oder? Nein. Doch. Über Kopf drehen war einfach nur endlos schön. Das einzige was sie außer Sven noch wahrnahm war der Song „Such a Shame“ von Talk Talk, der aus den Boxen des Karussells in ihr Ohr drang. Sie kuschelte sich an ihn und er hielt sie fest, als ob er sie nie wieder loslassen wollte. Aber leider hatte auch diese Fahrt ein Ende. Fast widerwillig lösten sie sich voneinander. Sie schlenderten zusammen noch eine Weile über den Markt und dann brachte Sven Elena zurück zum Autoscooter. Maja wartete schon, denn die beiden Mädchen mussten nach Hause. Es gab eine letzte Umarmung und einen tiefen Blick in die Augen. Er hatte so wunderschöne warme braune Augen und wie gerne hätte Elena noch einmal über dieses Muttermal auf seiner Wange gestrichen, aber sie ließ es.

Wie auf Wolken fuhr sie nach Hause und sie freute sich schon auf den nächsten Tag.

Maja fuhr neben ihr und grinste.

 

Am nächsten Tag war Elena aufgeregt. Sie überlegte lange, was sie anziehen sollte. Sie fuhr zu Maja um sie abzuholen. Als sie ankam stand da schon ein Fahrrad. Elena hatte da so einen Verdacht.

Sie klingelte und nichts passierte. Sie klingelte noch einmal und dann rührte sich etwas. Aufgeregt und mit rotem Kopf öffnete Maja die Tür.

„Oh, ist es schon so spät?“

„Ja, es ist 15 Uhr.“

„Okay, irgendwie hab ich wohl die Zeit vergessen.“

Sie lief auf und ab und richtete ihre Kleidung. Irgendjemand kam die Treppe von oben herunter.

„Trommelwirbel“, dachte Elena.

In der Küche erschien Torben, auch leicht gerötet.

Jetzt musste Elena lachen, sie hätte zu gerne Carinas Gesicht gesehen, wenn sie es gewusst hätte.

Nachdem die Beiden sich wieder gefangen hatten, ging es ab zum Markt.

Elena war glücklich, gleich würde sie Sven wiedersehen. Als sie beim Autoscooter ankam, setzte sie sich schnell und wartete. Immer wieder schaute sie suchend in die Menge, aber es war kein Sven dabei.

„Wollen wir zur Raupe“, fragte Elena Maja.

„Bist du sicher, dass du das möchtest?“

Elena nickte: „Ich kann diese Ungewissheit nicht ertragen.“

„Okay“, erwiderte Maja, „dann lass uns gehen.“

Mit Beinen wie Blei folgte sie Maja zur Raupe. Ihr war übel, aber sie brauchte Gewissheit.

Und tatsächlich war er da. Er unterhielt sich in einer Runde und hatte Spaß.

In seinem Arm wohl seine Freundin. Irgendwie das Gegenteil von Elena. Groß und blonde mittellange Haare. Dann sah auch Sven sie. Kurz trafen sich ihre Blicke. Elena unterdrückte die Tränen, drehte sich um und ging zurück zum Autoscooter. Andy bemerkte sofort, dass mit Elena etwas nicht stimmte. Er setzte sich zu ihr und versuchte sie aufzuheitern, erzählte ihr Witze und lustige Geschichten. Sie verabredete sich ein paar  Mal mit Andy. Sie hatten viel Spaß, aber mehr auch nicht. Sven sah sie diesen Sommer nicht mehr.

Sie dachte oft an ihn und sie wusste ja eigentlich auch vorher dass er eine Freundin hatte. Also selber schuld. Auch als Elena 16 Jahre wurde hörte sie nichts von ihm.

Einen Tag zwischen Weihnachten und Neujahr rief Elenas Tante sie zum Essen. Auf ihren Platz lag ein gelber Briefumschlag. Auf dem Umschlag stand ihr Name.

Sie fragte sich, wer ihr da wohl geschrieben hat. Sie drehte den Umschlag um und erstarrte.

Da stand Svens Name als Absender. Hastig öffnete sie den Brief:

 

27.12.1984

 

Hallo Elena!

 

Ich hoffe, Du hast Weihnachten gut überstanden.
Eigentlich wollte ich Dir ja eine Weihnachtskarte schicken, bin aber leider nicht dazu gekommen. Sei mir bitte nicht böse, ja? Vielleicht hast Du auch nicht damit gerechnet, dass ich Dir schreibe. Oder bist Du noch sauer, was auf dem Augustmarkt vorgefallen ist? Dazu möchte ich sagen, dass ich mit

meiner Freundin schon sehr lange zusammen bin und mich immer mit ihr gut verstanden habe. Du weißt auch, dass ich Dich sehr mag.

Ich kann doch nicht einfach Schluss machen.

Ich weiß nicht, ob du mich verstehst, dass verlange ich auch gar nicht.

Findest Du denn wirklich, dass wir unsere Verbindung deswegen lösen sollten, ich nicht. Denk noch einmal darüber nach, bitte. Wenn du mich wirklich verstehen

solltest, schreib mir doch bitte.  

 

                                                              Sven ♥

 

 

P.S.: Guten Rutsch ins neue Jahr. Grüße alle.

 

 

Nein, Elena verstand nicht. Wollte sie auch nicht. Außerdem hatte sie nun einen Freund.

Es war mit ihm nicht dasselbe, nein nicht ansatzweise ein Gefühl wie sie es für Sven empfand, aber Sven hatte auch deutlich geschrieben, dass er sich nicht von seiner Freundin trennen würde und die zweite Reihe wollte sie nicht. Und irgendwie musste ja auch ihr Leben weiter gehen.

Trotzdem las sie immer und  immer wieder seinen Brief. Und irgendwann war die Sehnsucht so groß, dass sie ihm antwortete.

Von nun an trafen sie sich jeden Freitag um 18 Uhr. Sven war offiziell bei seinem Kumpel und Elena hatte ihrem Freund gesagt, dass sie freitags immer bei Antje sei.

Was Elena allerdings irritierte war, dass ihre Tante das billigte. Eigentlich war sie immer gegen jeden, aber bei Sven machte auch sie eine Ausnahme.

Es waren immer schöne Freitage. Sie unterhielten sich viel und lachten. Sven sah ihre Singles durch.  Plötzlich hielt er die Single von Talk Talk „Such a Shame“  in der Hand.

„Ehrlich? Die hast du dir doch nicht etwa wegen unserer Karussellfahrt gekauft, weil es dort lief, als wir uns geküsst haben.“

Elena wurde rot und stotterte. „Naja... weißt du...“

Sven lachte: „Schon gut, ich habe sie mir auch deswegen gekauft.“

Sie schubste ihn und lachte: „Blödmann.“

Elena war im 7. Himmel. Sie lebte von einem Freitag zum Nächsten.

Aber irgendwann kam dann der Freitag, der wieder alles verändern sollte.

Wie immer ging Elena vorher ins Bad und machte sich zurecht. Nachdem sie ihre Haare gewaschen hatte, wickelte sie ein Handtuch um den Kopf und sah zur Uhr.

„Noch im Fahrplan“, dachte sie, als es schon klingelte.

Sie hörte wie ihre Tante die Tür öffnete: „Hallo Sven, komm rein, Elena ist hinten in ihrem Zimmer.“

Erschrocken blieb Elena stehen und sie hatte immer noch dieses Handtuch um den Kopf, als Sven den Flur entlang kam.

„Nein“, dachte sie noch, aber da stand er auch schon vor ihr. Sie merkte wie sie leicht rot anlief.

Sven musterte sie und lächelte: „Das sieht aber süß aus mit dem Handtuch.“

Sie nickte, die Situation war ihr etwas peinlich.

„Geh schon mal in mein Zimmer, ich bin gleich bei dir.“

Er grinste.

Schnell sprang Elena ins Bad, nahm das Handtuch ab und kämmte sich. Das war ja gründlich danebengegangen. Aber er war halt zu früh.

Schnell holte sie noch den Tee aus der Küche und eile in ihr Zimmer, wo Sven es sich bereits gemütlich gemacht hatte. Sie musterte ihn kurz. Er strahlte sie an. Irgendwie hatte sie den Eindruck, dass die Sache mit dem Handtuch ihm wirklich gefallen hat.

Elena plauderte drauf los, erzählte von der Schule und das sie samstags vielleicht Rechtskunde machen wollte, um es später in der Oberstufe als Prüfungsfach zu nehmen. Er hörte ihr zu und sah ihr immer wieder lange in die Augen. Elena wurde ein wenig nervös, aber sie fühlte sich wohl in seiner Nähe. Sie beugte sich vor, um ihn etwas zu zeigen. Sie sah zu ihm hoch und hielt den Atem an. Es war eine Spannung in der Luft, die sie kaum ertragen konnte. Sie wusste gleich würde etwas passieren und die Erwartung ließ einen wohligen Schauer über ihren Rücken laufen. Sanft nahm er ihre Hand und zog sie auf seinen Schoß. Es folgte ein langer zärtlicher Kuss Elena kuschelte sich an ihn und genoss jede Sekunde und jede seiner Berührungen. Sein Kuss wurde fordernder. Elena blendete jetzt jeden anderen Gedanken aus. Plötzlich brach er ab. Elena öffnete die Augen und sah ihn fragend an.

Er sah sie an und seufzte: „Es wäre nicht gut, glaube mir.“

Elena war verwirrt und mal wieder überfordert.

Sie hatte noch nie so empfunden. Keine Berührung von ihrem Freund hatte jemals so viel in ihr ausgelöst. Außerdem drängelte ihr Freund immer und sie ließ sich nicht unter Druck setzen.

Tausend Gedanken schossen ihr durch den Kopf. Sie hätte einfach fragen können, was er damit meinte, aber sie beschloss einfach nur zustimmend zu nicken.

Er lächelte und setzte sich gerade auf seinen Platz. Auch  Elena setzte sich wieder. Er redete mit ihr, als ob das alles gerade nicht passiert wäre, nur seine Augen sagten etwas Anderes und es blieb dieses angenehme Prickeln zwischen ihnen.

Plötzlich sprang er auf: „Oh je, so spät? Ich muss nach Hause, sonst bekomme ich Ärger.“

Er zog seine Jacke an und stürmte zu seinem Fahrrad. Da kam der nächste Schock. Ein Reifen war kaputt. Elena rief schnell ihren Onkel. Elenas Vater hatte einen Fahrradladen um die Ecke und Elena wusste, dass ihr Onkel an einen Reifen kam. Ihr Onkel half Sven tatsächlich und Sven versprach beim nächsten Mal den Reifen zu zahlen.

Elena und Sven wechselten noch einmal einen tiefen Blick und dann fuhr er davon. Er war sich sicher Ärger zu bekommen, weil er zu spät nach Hause kam.

Den nächsten Freitag sollte Elena umsonst warten. Sven würde nicht kommen.

Elena war zu tiefst verletzt. Sie verstand die Welt nicht mehr. Kein Wort, kein Brief,  kein Anruf.
In ihrem Schmerz schrieb sie ihm einen nicht so netten Brief, aber sie erhielt keine Antwort.

Sie versuchte ihn telefonisch zu erreichen, aber sie sprach nur mit seiner Mutter.

Ja sie ist sogar hingefahren. Seine Mutter öffnete die Tür und sagte ihr, dass Sven nicht da sei. Aber sie lächelte Elena an: „Du bist Elena oder?“ Elena nickte und verabschiedete sich.

Das konnte doch nicht sein, hatte sie all das geträumt? Was war passiert? Sie hatte keine Ahnung.

Sie versuchte es weiterhin mit ihrem Freund.

Aber es kam noch Schlimmer. Eines Tages lag wieder ein Brief auf ihren Platz.

Sie wollte ihn öffnen, aber er klebte am Umschlag. Sie sah ihre Tante verständnislos an:

„Wenn du ihn schon liest, dann lasse ihn bitte gleich offen. Festkleben ist keine gute Idee.“

Mit rasendem Herzen las sie diesen Brief und Tränen rannten über ihr Gesicht. Was war passiert?

 

Liebe Elena!

 

Es tut mir Leid, dass es mit uns beiden so enden musste. Es war echt schön mit dir, aber es klappt wohl nicht mit uns. Bitte sage deinem Onkel, dass es mir Leid tut, das ich das Geld nicht eher bringen konnte. Ich war wohl in letzter Zeit verändert, habe ich recht? Ich glaube du bist auch einverstanden, wenn wir uns nicht mehr sehen werden. Ich hoffe, du rufst mich auch nicht an.

Irgendwie könnte ich jetzt losheulen, denn ich mochte Dich sehr gerne.

Sei mir bitte nicht böse, so fällt es mir  leichter.

 

Sven

 

P.S.: Ich werde Dich nie vergessen Kleine

 

 

Elena war am Boden zerstört, Gerne hätte sie jetzt eine Mutter gehabt, die sie in den Arm nimmt und tröstet. Aber ihrer Mutter war sie leider total egal und ihre Tante war für so einen Job nicht geeignet, Sie tat zwar alles um Elena eine Zukunft zu ermöglichen, aber Gefühle gab es in dieser Familie nicht viel. Ihre Tante führte ein hartes Regime. Aber Sven hat sie irgendwie geduldet. Irgendwie musste sie mit diesem Brief leben, sie wusste nur noch nicht wie. In ihr war eine Welt zusammen gebrochen, aber nach außen war sie gut gelaunt, es durfte ja niemand etwas merken. Stück für Stück versuchte sie Sven zu vergessen, aber es ging nicht. Die Gefühle für ihn waren immer noch dieselben. Aber das Leben ging weiter. Selbst mit Maja und Antje konnte sie nicht darüber reden.

 

Am Anfang des neuen Jahres lag wieder ein Brief auf ihren Platz. Diesmal offen.
Elena war nicht gerade begeistert, dass ihre Tante ihre Briefe las, aber wenigstens klebten sie nicht mehr am Umschlag.

 

Hallo Elena!

 

Frag Dich jetzt bitte nicht, warum ich Dir schreibe. Um ehrlich zu sein, ich habe gerade alle Deine Briefe gelesen, und deshalb schreibe ich Dir.

Auch wenn wir vielleicht nichts mehr voneinander wissen wollen, vielleicht lag es daran, dass unsere Beziehung zu weit ging, was zum großen Teil ja auch meine Schuld war, könnte man trotzdem ruhig von sich hören lassen. Es tut mir leid Elena, wenn Du nicht weißt warum.

Aber aus diesen Sätzen, wenn Du genau darüber nachgedacht hast was ich meine, wirst Du sehen, dass man 3 Wörter nur dafür braucht, um diese ganzen Sätze wiederzugeben.

 

Sven

 

P.S.: Ich hoffe dass wir diese 3 Wörter wieder für einander finden.

 

Jetzt war Elena endgültig verwirrt. Was soll sie nun davon halten. Irgendetwas ging in ihrem Leben total schief.

 

Am Sonntag versuchte sie Sven telefonisch zu erreichen. Konnte aber nur mit seiner Mutter sprechen. Zu gerne hätte sie seine Stimme gehört. Aber diesmal musste sie nicht lange warten, es dauerte nicht lange und da lag der nächste Brief.

 

Liebe Elena!

 

Meine Mutter sagte, dass Du mich am Wochenende erreichen wolltest, aber ich war leider nicht da. 
Ich möchte Dir durch diesen Brief einiges sagen, was ich am Telefon vielleicht nicht könnte.

Wie Du weißt habe ich Dir einen Brief geschrieben, in dem einige unverständliche Sätze drin standen.

An diesem Abend hatte ich stark gefeiert. Nun weißt du durch diesen Brief, dass ich noch immer an Dich denke und was ich für Dich empfinde.

Wenn Du meinst wir könnten noch einmal zueinander Kontakt aufnehmen, dann rufe mich doch bitte am Dienstag an.

 

Ich hoffe noch immer Dein Sven

 

 

Elena schüttelte den Kopf. Natürlich war er noch immer ihr Sven. Er war ihre große Liebe, wenn auch irgendwie widerwillig. Aber bei allen anderen Dingen verstanden sie sich auch ohne Worte, nur was ihre Beziehung zueinander anging konnte sie ihm absolut nicht folgen. Aber sie würde ihn anrufen, nein sie musste ihn anrufen, sie konnte nicht anders, als ob eine geheime Macht Besitz von ihr ergriff und sie einfach dazu zwang. Sie ertappte sich ja immer wieder dabei, dass sie in Sachen Sven anders handelte, als ihr Verstand beschloss. Und das Schlimme war es fühlte sich nie falsch an.

Nach dem Gespräch am Dienstag mit Sven war Elena wieder glücklich. Alles war wie vorher, sie trafen sich wieder jeden Freitag. Sie redeten, lachten und tauschten tiefe Blicke aus. Sven erzählte ihr, dass er eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann anfangen würde. Elena freute sich für ihn. Einen Abend war es draußen noch richtig hell als Sven nach Hause musste und Elena beschloss ihn bis zur Brücke zu begleiten, die ihre beiden Stadtteile trennte.

Vergnügt radelten sie bis zur Brücke und stiegen ab. Sie schoben ihre Räder bis unter die Autobahnbrücke und stellten sie dort ab. Um sie herum war nur Natur. Sie genossen es und plauderten noch ein wenig und lachten. Er neckte sie wieder einmal, weil sie so viel kleiner war als er. Elena merkte wie die Spannung wieder zwischen ihnen stieg. Er nahm sie in den Arm und sie stellte sich auf ihre Zehenspitzen und schlang ihre Arme um seinen Nacken. Und wieder kam es zu einem langen zärtlichen Kuss. Elena schloss die Augen, während seine Lippen nicht von ihr ließen schob er sie langsam rückwärts und drückte sie sanft gegen den Brückenpfeiler. Instinktiv spürte sie, dass es ein Fehler sein würde und dass sie ihn jetzt wieder verlieren würde, trotzdem ließ sie es geschehen. Sie genoss einfach nur den Augenblick wunschlos glücklich zu sein. Sie wollte jetzt nicht darüber nachdenken, ob er den nächsten Freitag nicht kommen würde. Sie standen noch eine ganze Weile eng umschlungen unter der Brücke, so als ob sie nichts trennen könnte. Es dämmerte schon als sie sich trennten. Eine letzte Umarmung, ein letzter Kuss.

 

Elena sollte Recht behalten, Den nächsten Freitag wartete sie vergebens auf Sven. Aber sie wusste auch irgendwann würde sie ihn wiedersehen, ganz bestimmt sogar. Mit ihrem Freund lief es immer schlechter. Er erzählte bei seinen Freunden falsche Dinge über sie und sie war total genervt.  Eigentlich war es Zeit sich von ihm zu trennen. Elena war gerade 17 geworden. Im Sommer fuhr sie immer mit dem Rad zur Schule, aber im Winter nahm sie den Bus. Es war ein Dienstag und sie wollte etwas früher an der Schule sein, so dass sie einen Bus eher nahm. Zwei Haltestellen später hielt der Bus und sie wusste es. Sie wusste sie würde ihn wiedersehen. Er stieg in den Bus und kam in ihre Richtung. Als er sie sah lächelte er und kam zu ihr.

„Hallo Kleine“, flüsterte er.

„Was machst du hier im Bus?“, wollte Elena wissen.

„Dienstags habe ich Berufsschule.“

„Okay, dann steigen wir an derselben Haltestelle aus. Unsere Schulen liegen sich genau gegenüber“, erwiderte Elena.

Sie redeten die ganze Fahrt. Sven brachte Elena bis zur Tür ihrer Schule. Der Schulhof war noch leer. Zärtlich hob er ihren Kopf und küsste sie.

Leise hörten sie die Klingel seiner Schule.

„Ich glaube ich muss los“, sagte er mit Blick in Richtung seiner Schule.

Elena nickte.

Von nun an trafen sie sich jeden Dienstag im Bus und er brachte sie bis zur Schule. Zwischen ihren Schulen war ein von Büschen umwachsener Weg. Oft blieben sie auch dort stehen und genossen ihre Zweisamkeit.

Ein Dienstag war anders. Elena freute sich schon auf Sven. Doch an der Haltestelle stieg stattdessen seine Freundin ein. Zur Verstärkung hatte sie sich wohl noch eine Freundin mitgebracht. Beide kamen auf Elena zu und stellten sich neben sie. Elena hielt die Luft an. Sie war ein wenig nervös, weil sie nicht wusste was nun passieren würde. Sie hatte Svens Freundin seit dem Markt nicht mehr gesehen. Elena atmete tief durch. Sie stand da und hörte zu, wie die beiden Mädchen über sie heftig lästerten. Elena atmete auf, es hätte Schlimmeres passieren können. Damit konnte sie leben. Sie war nur erstaunt woher Svens Freundin von ihr wusste. Ein paar Haltestellen weiter stiegen die beiden Mädchen aus.

Am nächsten Dienstag erzählte sie Sven davon. Er konnte es sich auch nicht erklären und war entsetzt. Er selber wäre krank gewesen. Das war wieder einmal das vorläufige letzte Mal wo sie ihn sah.

 

Bei Elena im Leben ging gerade alles schief. Sie hörte von Sven nichts mehr und sie hatte sich von ihrem Freund getrennt. Aus verschiedenen Gründen beschloss sie auch das Gymnasium zu verlassen. Da sie sich erst sehr spät dazu entschieden hatte, meldete sich für ein Jahr an der Höheren Handelsschule an.

Genau genommen war es keine schlechte Entscheidung. Sie kam in eine Klasse die alle bereits den erweiterten Abschluss hatten und der Schulstoff war mega einfach. Sie lernte auch sehr viel über sich. Vor allem, dass sie wohl keine graue Maus war. Die Schule machte richtig Spaß. Im Gegensatz zum Gymnasium war der Stoff total einfach und sie schüttelte die guten Zensuren nur so aus dem Handgelenk. Und sie hat dort auch neue Freunde gefunden. Hinter ihr saß Robby, er kam aus Kattowitz und er flirtete die ganze Zeit mit ihr. Elena mochte Robby. Die neue Schule gefiel ihr wirklich richtig gut. Im Deutschunterricht sprachen sie gerade über Substantive und warum man sie groß schrieb, nun sollte sie das Substantiv blau unterstreichen. Elena gähnte, wie langweilig. Sie nickte ihrem Tischnachbarn zu, der holte Papier aus seiner Tasche und sie spielten Schiffe versenken. Donnerstags hatte sie erst um 10 Uhr Schule und dann zwei Stunden BWL und anschließen Religion. Meistens trafen sie sich morgens irgendwo zum Frühstück und überlegten dann, ob sie noch zur Schule gingen oder ob es sich für heute nicht lohnte. Eigentlich reichte es ja, wenn man zu den Arbeiten da war. Montags wurden gerne die letzten drei Stunden geschwänzt. Da gab es Steno, Maschinenschreiben und Büroorganisation. Aber die Lehrerin machte häufig 3 Stunden Steno. Also beschloss die Klasse einstimmig in die Stadt zu fahren und die Stunden ausfallen zu lassen.

Es war Dienstag und es klingelte zur großen Pause. Vergnügt lief Elena auf den Pausenhof. Sie wollte eigentlich zur Mensa, weil da spielte ihre Klasse immer Schwimmen. Das war sehr lustig. Klar reichte die Pause nie um das Spiel zu beenden, aber man wusste ja, wer zuletzt zum Unterricht kam hatte wohl gewonnen. Aber diesmal klappte es bei ihr nicht, denn es stand jemand vor ihr: Sven.

„Ja danke Schicksal“, schimpfte sie in sich hinein, „warum quälst du mich so? Was soll das?“

„Hallo Kleine“, hörte sie seine Stimme.

Sie sah auf: „Hallo Sven.“

Alles wieder auf Anfang. Sie kam sich langsam vor wie damals ihr Plattenspieler. Nadel zurück auf „Wishing“. Diesmal war er aber irgendwie offener. Er nahm sie auch in der Schule in den Arm. Sie trafen sich nun jeden Dienstag in der großen Pause. Eigentlich hatte Elena dieses Mal ein gutes Gefühl. Alle konnten sie sehen, sie haben sich nicht mehr versteckt. Elena war mittlerweile 18 Jahre und hatte ein eigenes Auto. Es war zwar alt, aber bezahlt und gelegentlich fuhr es sogar.

Einen Dienstag war das Treffen mit Sven sehr intensiv, Nachdem es zum Unterricht geläutet hatte, gab Sven ihr einen Kuss, steckte ihr einen Brief zu und verschwand.

Mit gemischten Gefühlen sah Elena den Brief an.

 

„For You My Love“, stand auf den Brief. Sie öffnete ihn aufgeregt.

 

Betreff. Erklärung

 

Sehr geehrte Elena!

 

Ich wollte Ihnen heute einiges sagen. Wir kennen uns nun einige Jahre schon sehr gut, auch wenn wir nicht zueinander gefunden haben.

Ich wollte Dir auch nur sagen, dass ich Dich seit dem ersten Tag in mein Herz geschlossen habe. Leider trennen uns zwei verschiedene Welten. Es ist traurig, aber erste einmal nicht zu ändern. Aber vielleicht hält deshalb unsere Liebe zueinander an. Wir wissen nicht, wie es geworden wäre, wenn wir zusammen gewesen wären. Ich liebe Dich.

Vielleicht können wir uns jetzt öfter sehen. Ich hole Dich ab und wir fahren irgendwo hin.

 

In Liebe Dein ♥Sven♥

 

Zitternd las Elena den Brief immer und immer wieder. Sollte es stimmen, vielleicht würde sich jetzt alles ändern.

Sie war gespannt und glücklich und konnte den nächsten Dienstag kaum erwarten. Aber sie sollte ihn nicht mehr sehen.

Diesmal traf es sie besonders hart. Hätte sie sich bloß nicht so sehr gefreut. Sie schloss sich in ihrem Zimmer ein und ließ den Tränen freien Lauf. Noch einmal würde sie es nicht verkraften.

Aber da war ja auch noch Robby. Weil sie ihn irgendwie mochte, ließ sie sich auf seine Flirts ein. Und tatsächlich fing sie langsam an Gefühle für ihn zu entwickeln. Sie trafen sich ein paar Mal und Elena merkte, dass Robby eigentlich ein richtig netter Kerl war. Okay in der Schule gab er sich anders, aber Elena konnte sich mehr mit ihm vorstellen.

Zum Schluss des Schuljahres gab es eine Klassenfahrt nach Amsterdam. Da die Klasse nicht sehr groß war, sagte der Klassenlehrer, er würde eine Berufsschulkasse mit hinzunehmen, damit der Bus auch voll wäre und die Kosten nicht so hoch. Elena freute sich auf die Klassenfahrt und irgendwie auf Robby. Da noch Plätze frei waren, wollte er seinen Bruder mitbringen. Elena überlegte genau, was sie an diesem Tag anzog und wie sie sich frisierte. Alles musste passen. Sie wollte einen perfekten Eindruck hinterlassen.

Sie sah in den Spiegel und war zufrieden. Aufgeregt stieg sie in ihr Auto, holte noch eine Schulfreundin Sabine ab, und ab ging es zur Schule. Sie parkte ihren Wagen. Dann folgte sie Sabine zum Bus. Beschwingt lief sie um den Bus zur Tür, sah hoch und... vor ihr Stand Sven.

„Fuck“, dachte sie, „war ja klar, dass es genau die Berufsschulklasse war.“

Sie beschloss diesmal auf Abstand zu bleiben.

„Oh hallo Sven, deine Klasse fährt mit?“

Auch er klang sehr reserviert. Elena schluckte, vielleicht war es besser so, aber was war eigentlich passiert. Sie wusste es nicht.

Sie stieg mit Sabine in den Bus. Sven nahm ein paar Plätze hinter ihr Platz. Auf die andere Seite von Elena setzten sich Robby und sein Bruder.  Elena hatte das Gefühl, dass Robbys  Bruder sie musterte.

„Okay“, dachte sie, „jetzt bloß kein Fehler.“

Sie kamen ins Gespräch und sie genoss den Flirt mit Robby, als plötzlich von hinten ein Busvorhang auf ihrem Kopf landete.

„Was ist das denn?“, fragte Sabine mit aufgerissenen Augen.

„Frag nicht“, stöhnte Elena.

Sie sah nach hinten. Sven fing an über die Plätze hinweg mit ihr zu reden. Sie gab ihm kurze Antworten und versuchte sich wieder mit Robby zu unterhalten. Der war mittlerweile in einem hektischen Gespräch mit seinem Bruder vertieft, leider auf Polnisch, aber es klang von der Tonlage nicht gut. Da kam auch schon der nächste Vorhang angeflogen.

Sabine duckte sich: „Ich glaub es ja wohl nicht.“

„Frag mich mal“, erwiderte Elena verzweifelt.

Kurz nach der Grenze machte der Bus eine Pause. Elena stieg aus, sie brauchte frische Luft.

Auch Sven stieg aus. Er kam zu ihr und fing ein Gespräch an und scherzte. Elena lief es heiß und kalt über den Rücken. Jetzt ging wirklich alles daneben. Zu allem Übel setzte Sven sie auch noch auf eine Preistafel, von der Elena alleine nicht mehr runter kam. Sie war drauf angewiesen, dass er sie wieder runter hob. Besorgt schaute sie immer wieder zu Robby. Der sah ziemlich sauer aus. Sven ließ sich lange bitten, aber dann packte er sie und ließ sie eng an sich heruntergleiten. In Amsterdam trennten sie sich alle und Elena hoffte, dass die Situation sich beruhigte. Sie zog mit Sabine los und erkundete Amsterdam. Auf der Rückfahrt war es ziemlich ruhig. Sven kam kurz nach vorne um mit ihr zu reden, ging aber später ohne Abschied. Robby allerdings sprach  nie wieder ein Wort mit ihr.

Elena hatte an einem Tag zweimal verloren. Das war ihr zu viel. Das war wohl der Moment wo sie beschloss, dass nie wieder jemand ihr Herz erreichen sollte.

Aber es war nicht das letzte Mal, dass sie von Sven hörte. Er sollte diesen Auftritt noch übertreffen.

Elena hingegen schloss die Liebe zu ihm in ihrem Herzen ein, wie einen gut gehüteten Schatz, der nur sie etwas anging.

 

Eines Tages als Elena von der Arbeit kam, sah ihre Tante sie finster an und schob ihr einen Zettel mit einer unbekannten Telefonnummer hin.

„Du sollst Sven anrufen“, sagte sie „er ist in Bremerhaven.“
„SVEN?“, ungläubig sah Elena auf die Nummer.

Sie ging zum Telefon und rief ihn an.

„Hallo Elena“, freute er sich, „schön, dass du anrufst. Ich bin jetzt in Bremerhaven beim Bund und habe hier eine kleine Wohnung. Ich würde dich gerne zu mir einladen. Ach ja. Ich habe auch eine gute Nachricht. Ich habe mit meiner Freundin Schluss gemacht.“

Er machte eine Pause und ihr Herz schlug ihr bis zum Hals. Doch seine nächsten Worte gaben ihr den endgültigen Todesstoß: „Ich habe jetzt eine Neue. Ich habe die Christine in einer Disco kennengelernt.“

Ihr fiel der Hörer aus der Hand. Was war denn dies jetzt für eine Aktion. Sie schnappte nach Luft und kämpfte mit den Tränen. Wenn er doch jetzt eine neue Freundin hat und sie dabei außen vor gelassen hatte, was sollte sie dann in Bremerhaven? Und wenn sie fahren würde, wie würde sie es verkraften was er ihr dann wohl möglich erzählte.

Könnte sie danach sicher wieder nach Hause fahren?
Tausend solcher Gedanken schossen ihr während des Telefonats durch den Kopf. Sie traf eine Entscheidung. Sie würde nicht fahren.

Elena riss sich zusammen und telefonierte weiter mit ihm. Es kostete sie viel Kraft. Sie sagte ihm dann, sie würde sich wieder melden.

Natürlich hatte sie das nicht mehr vor. So schwer es ihr auch viel.

 

Später las sie dann seine Heiratsanzeige in der Zeitung und ein paar Wochen später die Geburtsanzeige seiner Tochter. Ihre Tante war so lieb sie ihr auf das Frühstücksbrett zu legen.

Sie brauchte dringend einen Schlussstrich, sonst hätte es sie in den Wahnsinn getrieben. Sie beschloss daher ihn anzurufen. Sie hatte eiskalte Hände, als sie seine Nummer wählte. Sie nahm an, dass seine Frau noch im Krankenhaus war und sie so kurz sprechen könnten ohne dass es für ihn Konsequenzen  haben würde oder wohl möglich noch Fragen aufwarf.

Er ging tatsächlich ans Telefon. Das Gespräch war viel von peinlichem Schweigen geprägt. Sie wünschte ihm alles Gute und gratulierte ihm zu seiner Tochter. Das Gespräch fiel ihr schwer und tat verdammt weh. Aber er sollte wissen, dass es keinen Hass zwischen ihnen gab.

 

Ein paar Wochen später traf sie ihn beim Einkaufen. Er stand mit seiner Frau an der Kasse. Sie sahen sich ein paarmal in die Augen. Dann kam er zu ihr rüber.

„Hallo Kleine.“

„Hallo Sven.“

Fragend sah Elena ihn an und obwohl er so viel größer war als sie kam er ihr in diesem Moment so viel kleiner vor.

„Weißt du“, murmelte er, „ich habe mir immer eine große Familie gewünscht. Du hast in all den Jahren immer von Schule und Karriere gesprochen. Ich denke, dass du an meiner Seite nicht glücklich geworden wärst.“

Er lächelte sie an nickte kurz und ging zurück zu seiner Frau.

Aber irgendwie reichte Elena die Erklärung nicht.

„Ja, so war das damals“, dachte Elena und legte die Briefe zurück in die Schublade.


Datenschutzerklärung
powered by Beepworld